Eines der Fotos, an das ich mich am deutlichsten erinnere, ist eines, das ich beinahe verpasst hätte.

Ich reiste durch Indonesien und bekam kurz zuvor eine Massage. Das Massagestudio lag in einer schmalen, etwas heruntergekommenen Gasse. Ein Vogel saß in einem Käfig, Hunde liefen frei herum. Und da war er: ein Mann, der auf seiner Veranda saß und Ketupat zubereitete, kleine indonesische Reisküchlein. Die aus Palmblättern geflochtenen Taschen werden mit Reis gefüllt und anschließend gekocht, bis sich die Reiskörner ausdehnen und eine feste, kompakte Masse bilden.

Ein paar Minuten lang beobachtete ich ihn einfach nur. Ich sah zu, wie seine Hände eine Tache nach der anderen formten, jede mit erstaunlicher Präzision. Für eine einzige brauchte er nur wenige Sekunden, bevor er direkt mit der nächsten weitermachte. Dabei schaute er nicht einmal auf seine Hände. Stattdessen war er ganz in ein Gespräch mit seinem Nachbarn vertieft, beide lachten laut miteinander. Genau diese unverfälschte Freude einzufangen, machte das Bild zu einem meiner liebsten Reisefotos.

Ein balinesischer Mann sitzt auf seiner Veranda und flicht Palmblatthüllen für Ketupat, während er sich mit seinem Nachbarn unterhält und lacht.
Indonesischer Mann bereitet Ketupat zu | Bali, Indonesien

Wie Fotografie die Art verändert hat, wie ich mich fortbewege

Momente wie dieser sind wahrscheinlich der Grund, warum ich mich heute nur noch selten so schnell durch einen Ort bewege wie früher. Eine Kamera in die Hand zu nehmen, hat mir beigebracht, langsamer zu werden. Noch wichtiger aber: Sie hat mir beigebracht, umherzuswandern, ohne immer genau zu wissen, wonach ich suche. Heute nehme ich häufiger Umwege. Ich biege in Straßen ab, einfach weil mir etwas ins Auge fällt, bleibe an Orten hängen, die in keinem Reiseplan auftauchen würden, und merke manchmal, dass ich eine halbe Stunde in denselben wenigen Metern verbracht habe.

Mit einer Kamera in der Hand geht es für mich weniger darum, von einem Punkt zum nächsten zu kommen, sondern vielmehr darum, auf all das zu achten, was dazwischen liegt. Ich habe angefangen, nicht mehr nur nach vorne zu schauen, sondern auch zur Seite – in Hauseingänge, über Terrassen hinweg und in Gassen, die scheinbar nirgendwohin führen. Manchmal folge ich dem Licht. Manchmal einer Person. Manchmal einem Geräusch, das von irgendwo um die Ecke kommt. Die Route, die ich ursprünglich geplant hatte, wird zweitrangig, und nicht selten verlaufe ich mich absichtlich.

Eine meiner liebsten Arten, einen neuen Ort zu entdecken, ist es, die Karte wegzupacken und Wege einfach deshalb auszuwählen, weil sie mich neugierig machen. Ich nenne das „die schönere Route nehmen“. Irgendwann komme ich schon an – nur eben nicht auf dem schnellsten oder effizientesten Weg. Und es hat etwas Befreiendes, sich selbst zu erlauben, einfach umherzustreifen, auch wenn sich das in unserer heutigen Gesellschaft fast widersinnig anfühlen kann. In einer Welt, die so sehr von Optimierung geprägt ist, bleibt nur wenig Raum dafür, sich zu verirren. In der Fotografie aber kann genau das der Sinn sein. Eine Kamera gibt dem Umherwandern einen Zweck, selbst wenn ich eigentlich gar kein bestimmtes Ziel habe. Und je mehr ich mir erlaube, mich treiben zu lassen, desto mehr wird mir klar, dass die Fotografie nicht nur verändert, wohin ich gehe, sondern auch, was ich dort wahrnehme. Früher dachte ich, Reisefotografie gehe vor allem darum, festzuhalten, wo ich gewesen war. Heute glaube ich zunehmend, dass es vielmehr darum geht, zu lernen, wie man wahrnimmt.

Die Details wahrnehmen

Was ich heute suche, ist nur noch selten das offensichtliche Motiv. Natürlich fotografiere auch ich noch die klassische Postkartenansicht. Doch immer öfter schaue ich genauer hin – über das hinaus, was auf den ersten Blick visuell beeindruckt. Das bedeutungsvollste Bild ist nicht immer das schönste. Manchmal erzählt eine unscheinbare Seitenstraße oder eine alltägliche Interaktion mehr über einen Ort als der berühmte Aussichtspunkt. Was einen Ort vom anderen unterscheidet, sind nicht nur die Sehenswürdigkeiten, die Architektur oder die bekannten Hotspots. Es ist der Charakter eines Ortes, der sich erst dann zeigt, wenn man langsamer wird und auf die Details achtet. Er liegt in den Straßen, die schon von so vielen Menschen vor mir entlanggegangen wurden und noch von so vielen Menschen nach mir begangen werden. Er liegt in der Wäsche, die zwischen Balkonen hängt, und in offenen Fenstern, durch die die Geräusche auf die Straße schallen. Er liegt in verblassten Ladenschildern und abgetretenen Türschwellen, die erahnen lassen, wie lange ein Gebäude schon Teil des Viertels ist. Er liegt in den Marktständen, die jede Woche wieder aufgebaut werden, von Menschen, die viele ihrer Kund:innen beim Namen kennen. Er liegt in familiengeführten Restaurants, die über Generationen weitergegeben wurden und in denen jede Generation jahrhundertealten Rezepten ihre eigene kleine Note hinzufügt.

Er liegt in all den Dingen, die es niemals auf eine Liste von Sehenswürdigkeiten schaffen würden – und die mir trotzdem oft am deutlichsten in Erinnerung bleiben, wenn ich längst wieder weitergereist bin. Um diese Dinge wahrzunehmen, muss man langsamer werden und sich für eine Weile auf einen Ort einlassen. Wer nur hindurchhetzt im Versuch, möglichst viele Sehenswürdigkeiten in einen 24-Stunden-Tag zu packen und alle „Must-dos“ einer Reiseroute abzuhaken, verpasst schnell den eigentlichen Charakter eines Ortes. Ohne Details werden Destinationen austauschbar. Natürlich unterscheiden sich die Sehenswürdigkeiten, doch von außen kann ein Marktplatz in Bratislava einem auf Mallorca erstaunlich ähnlich sehen. Erst wenn man sich die Zeit nimmt, zwischen den Ständen umherzuschlendern, regionale Produkte zu probieren und mit den Händler:innen ins Gespräch zu kommen, beginnt sich der Charakter genau dieses Marktes zu entfalten.

Nahaufnahme eines indonesischen Mannes, der aus Palmblättern Ketupat (Reispäckchen) herstellt.
Indonesischer Mann bereitet Ketupat zu | Bali, Indonesien

Die Kamera als Erlaubnis, neugierig zu sein

An einem gewissen Punkt war die Fotografie nicht nur eine Möglichkeit, einen Ort festzuhalten, sondern wurde zu einer Möglichkeit, ihn zu verstehen. Meine Kamera ist zu einer Tür in die Geschichten hinter einem Ort geworden. Eine Szene kann mich neugierig machen: Wer ist diese Person? Was tut sie? Warum sieht dieser Ort so aus, wie er aussieht? Was ist hier passiert, bevor ich angekommen bin? Sie weckt in mir den Wunsch, mehr zu erfahren – und wenn ich dieser Neugier folge, lerne ich oft etwas, das mir sonst verborgen geblieben wäre. Der Wunsch, ein Foto zu machen, hat mir unzählige Gründe gegeben, auf Menschen zuzugehen, um Erlaubnis zu fragen und ein Gespräch zu beginnen. Und oft ist der interessanteste Teil gar nicht das Bild selbst, sondern das, was davor und danach passiert. Sobald diese erste Hürde überwunden ist, kann sich die Begegnung weit über die Fotografie hinaus entwickeln. Daraus entsteht vielleicht ein Gespräch über die Arbeit dieser Person, ihre Familie, den Ort, den sie ihr Zuhause nennt, oder über etwas, das ich allein durch Beobachten niemals hätte erahnen können. So habe ich unzählige Geschichten gehört und Empfehlungen für Orte bekommen, die ich alleine nie gefunden hätte.

So kann ich heute die Geschichte des Mannes erzählen, der in einer Höhle neben stillgelegten Bahngleisen in Wilderness, Südafrika, lebt. Ich weiß nun, wie er nach Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten eine Lebensphilosophie der Einfachheit entwickelte und warum er an Wunder glaubt. Ich kann die Geschichte unseres Guides am Mount Bromo in Indonesien erzählen, der schon als Kind davon träumte, im Tourismus zu arbeiten, um seine Familie zu unterstützen. Aus der Person, die für mich zunächst einfach nur „unser Guide“ war, wurde jemand mit eigenen Ambitionen, Verantwortung und einer tiefen Verbindung zu seiner Heimat – all das hätte ich nie erfahren, wenn ich lediglich Kundin geblieben wäre. Und ich kann die Geschichte davon erzählen, wie ich in einem winzigen Dorf im Atlasgebirge zu einer marokkanischen Hochzeit eingeladen wurde. Ein Dorf, das ursprünglich kaum mehr als ein Ort zum Übernachten sein sollte, wurde zu einem der intensivsten Erlebnisse der gesamten Reise und zu dem Moment, in dem ich mich dem echten Leben in Marokko am nächsten fühlte. Es sind Geschichten, die Orte lebendig werden lassen und Destinationen Tiefe verleihen.

Das Paradox der Reisefotografie: Was am meisten zählt, ist der Moment, nicht das Foto

Manchmal ist das Foto jedoch gar nicht das Wichtigste. Was am meisten zählt, ist der Moment, nicht das Foto.

Ich flog von Frankfurt nach Südostasien. Es war die erste Woche der Sommerferien, und man kann sich vorstellen, was an einem der geschäftigsten Flughäfen Europas los war. Schreiende Kinder, erschöpfte Eltern, die versuchten, sie bis zum Abflug bei Laune zu halten. Geschäftsleute in grauen Anzügen mit kleinen Rollkoffern, die sich ihren Weg durch Gruppen von Jugendlichen bahnten, die auf ihrem Weg nach Benidorm waren – ihre erste Reise ohne Eltern. Ich stellte mich in die kilometerlange Schlange vor der Sicherheitskontrolle und bereitete mich innerlich schon darauf vor, meine gesamte Kameraausrüstung aus dem Rucksack nehmen und mit einem schlecht gelaunten Sicherheitsmitarbeiter über das Gewicht meines (definitiv zu schweren) Handgepäcks diskutieren zu müssen.

Doch als ich an der Reihe war und meine Tasche in die Schalen leerte, lächelte mich der Sicherheitsmitarbeiter an. Er war in seinen Fünfzigern, ein hagerer Mann mit grauen Haaren und einer schwarzen Hornbrille. „Ah, eine Gleichgesinnte, wie ich sehe, hm?“, sagte er grinsend zu mir. Ich stimmte ihm zu, und wir begannen, über Fotografie zu sprechen – völlig ungeachtet der Schlange, die sich hinter uns langsam weiter aufbaute. Er erzählte mir, dass er seit 30 Jahren mit Leica fotografierte und seine Kamera zu seinen wertvollsten Besitztümern gehörte, weil sie ihm erlaubte, die Welt anders zu sehen – auf eine Art, die vielleicht nur andere Fotograf:innen wirklich verstehen. Seine Worte berührten mich. Sie hätten genauso gut von mir selbst stammen können. Es ist etwas Besonderes, mit einem vollkommen fremden Menschen über etwas so Grundlegendes wie eine gemeinsame Art, die Welt zu sehen, eine Verbindung aufzubauen. Ich fühlte mich sofort verstanden. Als es für mich Zeit war, durch den Scanner zu gehen, sah er mich plötzlich ernst an und sagte: „Wenn ich dir einen Rat geben darf: So sehr du deine Kamera liebst – was am meisten zählt, ist der Moment, nicht das Foto. Vergiss das nie.“ Dann drehte er sich um und wandte sich der nächsten Person in der Schlange zu. Zuerst lächelte ich nur und nickte, ich wusste nicht so recht, wie ich seinen Rat einordnen sollte. Erst einige Wochen später in Indonesien sollte ich wirklich verstehen, was er damit gemeint hatte.

In einer Bar in Ubud auf Bali lernten eine Freundin und ich einen Engländer kennen, der bereits zum dritten Mal allein durch Indonesien reiste. Oliver, so hieß er, empfahl uns einen bestimmten Tempel im Innland. Mehr wollte er uns nicht verraten. Wir sollten „einfach hingehen und es selbst erleben“. Am nächsten Tag folgten wir seinem Rat. Wir nahmen ein Scootertaxi ins Nirgendwo – eine holprige, einstündige Fahrt über Landstraßen. Vom Rücksitz des Scooters aus sah ich, wie Gebäude innerhalb weniger Sekunden an mir vorbeizogen. Geschäfte, in denen Holztüren verkauft wurden, heruntergekommene Warungs und einfache Backsteinhäuser. Schon bald ließen wir die Stadt hinter uns. Palmen säumten die schmale Straße, und mehr Scooter rauschten an uns vorbei, als ich zählen konnte. An einer Kreuzung in einem kleinen Dorf hielt der Fahrer schließlich an. Hühner liefen frei herum, und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. „Wir sind da“, sagte er in gebrochenem Englisch.

Der Weg hinunter zum Tempel führte über eine schmale, steile Treppe mitten in den Dschungel, gesäumt von gelben Fahnen. Je weiter wir hinabstiegen, desto dichter wurde der Wald. Die Geräusche der Straße wurden leiser, während der Gesang der Vögel immer deutlicher zu hören war. Und plötzlich öffnete sich der Wald – und vor uns lag der Tempel. Er war direkt in vulkanischen Fels gebaut, zwei heilige Wasserläufe zogen sich durch die Schlucht. Nur eine kleine Gruppe Einheimischer war dort, von Tourist:innen keine Spur. Tief in mir spürte ich bereits, dass dieser Ort etwas Besonderes war – auf eine Art, die ich kaum begreifen konnte. Die Einheimischen kommen hierher, um Melukat zu praktizieren – ein balinesisches Reinigungsritual mit Wasser, das negative Energie abwaschen und einen Neubeginn symbolisieren soll.

Wir ließen unsere Sachen in den provisorischen hölzernen Umkleiden zurück und bekamen Sarongs, die wir über unsere Bikinis zogen. Das bedeutete allerdings auch, dass ich meine geliebte Kamera zurücklassen musste und sie nicht mit in die Schlucht nehmen konnte. Zuerst geriet ich in Panik. Wie konnte ich diesen wunderschönen Ort nicht festhalten? Wie sollte ich mich später an das Ritual erinnern, wenn ich währenddessen keine Bilder machen konnte? Warum hatte ich diesen Ort statt Pura Tirta Empul gewählt, von dem ich bereits so viele Fotos gesehen hatte, die ich selbst machen wollte? Doch dann erinnerte ich mich an die Worte des Sicherheitsmitarbeiters am Flughafen drei Wochen zuvor: „Was am meisten zählt, ist der Moment, nicht das Foto.“

Ein Mitarbeiter des Tempels führte uns durch 21 verschiedene Reinigungsstationen, an denen jeweils ein anderes Ritual auf uns wartete, während wir uns immer tiefer in die Schlucht bewegten. Wir spritzten uns Wasser ins Gesicht, tauchten unter und schrien unsere negative Energie mit voller Kraft in einen tosenden Wasserfall hinein. Und mit jedem Schritt wurde ich ruhiger und gleichzeitig ehrfürchtiger gegenüber dem, was ich gerade erlebte. Als wir schließlich am Wasserfall ankamen, hatte ich meine anfängliche Unruhe darüber, diesen Moment nicht festhalten zu können, vollständig vergessen. Und genau das erlaubte mir, die Erfahrung wirklich zu erleben. Denn was am meisten zählt, ist der Moment, nicht das Foto.

Bewusster reisen

Vielleicht ist das Wertvollste, was mir die Fotografie gegeben hat, gar keine Sammlung von Bildern oder Stempeln in meinem Reisepass, sondern einen Grund, präsenter zu sein. Die Kamera hat mir beigebracht, langsamer zu werden, falsch abzubiegen, genauer nachzufragen und ein wenig länger zu bleiben. Und immer öfter merke ich, dass ich all diese Dinge auch dann tue, wenn die Kamera in meiner Tasche bleibt oder ich in meiner Heimat unterwegs bin. Ich nehme trotz der Vertrautheit das Licht wahr, das durch eine Tür fällt, das Gespräch am Nebentisch oder die schmale Seitenstraße mit den alten Häusern, an der alle anderen vorbeizulaufen scheinen. Vielleicht geht es in der Fotografie nie nur darum, zu lernen, wie man ein Bild macht. Vielleicht geht es vielmehr darum, zu lernen, wie man sieht.