Die Sonne hängt schwer über Hout Bay und drückt ihre Wärme in den Beton des Eyethu-Skateparks. Die Luft summt vor Leben. Kinder um mich herum spielen Fangen, nutzen die Rampen, um hinauf- und hinunterzufahren und Tricks zu machen, und irgendwo im Hintergrund steigt Gelächter von einem Basketballplatz auf, vermischt mit den lauten Rufen von einem nahegelegenen Fußballfeld. Von der anderen Seite des Parks kommt ein junger Mann mit Dreadlocks und einem breiten Lächeln mit lockerem Schritt auf mich zu. Der junge Mann heißt Wonga Lucas, und heute wird er mir sein Zuhause zeigen – das Township Imizamo Yethu.

Über Imizamo Yethu

Imizamo Yethu, oder IY, wie es von den Einheimischen genannt wird, bedeutet „unsere gemeinsame Bemühung“ in Xhosa. Es handelt sich um eine 18 Hektar große informelle Siedlung, die sich an den Berghang oberhalb von Hout Bay in Kapstadt schmiegt. Sie wurde Anfang der 1990er Jahre gegründet, als 450 Familien, die zuvor in Hütten rund um Hout Bay gelebt hatten, hierher umgesiedelt wurden. Heute leben laut offiziellen Angaben etwa 35.000 Menschen in formellen Wohnverhältnissen in IY, doch die geschätzte Gesamtbevölkerung – einschließlich nicht registrierter und ausländischer Bewohner in informellen Unterkünften – übersteigt 75.000.

Hout Bay selbst wirkt wie ein Mikrokosmos von Südafrika – drei Welten, gedrängt in einem einzigen Tal. Ein Vorort von Kapstadt, in dem eine wohlhabende, überwiegend weiße Gemeinschaft, die afrikanische Gemeinschaft in Imizamo Yethu und die Coloured-Community aus Hangberg nebeneinander leben.

Wonga wurde im Eastern Cape geboren und zog als Baby gemeinsam mit seiner Mutter und seinen sechs Geschwistern nach Kapstadt. Nachdem er ein Studium in Film und digitalen Medien abgeschlossen hatte, arbeitete er eineinhalb Jahre als Koch in der Gastronomie. Aufgrund gesundheitlicher Probleme musste er jedoch die Arbeit in der Küche aufgeben und wechselte in die Tourismusbranche. Alles begann mit einem Freund von Wonga, einem weißen Deutschen, der ihn bat, einige Zeit bei ihm im Township zu wohnen, um mehr über sein Leben und die Gemeinschaft in IY zu erfahren. Am Ende seines Aufenthalts brachte sein Freund zwölf internationale Bekannte mit und bat Wonga, ihnen das Township zu zeigen und für sie zu kochen. Was als Gastfreundschaft begann, entwickelte sich zu etwas Größerem, zu einem Beruf. Heute betreibt er ein Unternehmen namens WongaTours und bietet Township-Touren an, bei denen es weniger um Sightseeing und mehr ums Lernen geht. „Ich mache keine Touren“, sagt er später zu mir. „Ich schaffe Erfahrungen.“

Wir beginnen unsere Tour am Skatepark – einem Treffpunkt zwischen den drei getrennten Nachbarschaften, sowohl physisch als auch symbolisch. Wenn ich nach rechts oben blicke, sehe ich Tausende bunter Hütten, die sich den Berg hinaufziehen – unzählige Schichten zusammengenagelter Wellbleche, die sich an jeden verfügbaren Zentimeter klammern. Die meisten bestehen aus Blech und Holz, nur wenige haben stabile Betonwände. Zu meiner Linken zieht sich eine breite Allee in Richtung Penzance Estate, Eichen umrahmen große Häuser, die sich hinter elektrischen Zäunen und Stacheldraht verbergen. Zwei Realitäten, getrennt durch nicht viel mehr als eine Straße. Ein Kontrast, der kaum größer sein könnte.

Der Skatepark ist ein Sinnbild für die Bemühungen, die drei Gemeinschaften zusammenzubringen, erklärt Wonga. Es dauerte über drei Jahre, 1,5 Millionen Rand Spenden zu sammeln – unter Beteiligung lokaler Unternehmen, einzelner Unterstützer sowie landesweiter Sponsoren. Seit seiner Eröffnung ist kein einziger Tag vergangen, an dem der Skatepark nicht genutzt wurde, und er wird von Jung und Alt aus allen Teilen der Nachbarschaft gleichermaßen geschätzt. Er ist ein Beispiel für Zusammenhalt, gemeinsame Leidenschaften und Partnerschaft, das eine Inspiration für alle sein sollte. Zweimal pro Woche gibt es ein soziales Projekt, das Kindern das Skaten beibringt. Freitags sitzen sie zusammen und machen ihre Hausaufgaben. Für Wonga ist Skaten ein Hebel für Veränderung – denn wenn die Kinder nicht in sozialen Projekten wie diesem aufwachsen, werden sie von der Straße erzogen.

Das Leben im Township

Von hier betreten wir das Township. Das geschäftige Treiben ist zunächst fast überwältigend, und ich greife instinktiv etwas fester nach meiner Kamera. Die Straßen pulsieren vor Geräuschen – Stimmen auf Xhosa, Lachen, Streit, Musik aus Handylautsprechern, aufheulende Motoren. Alte Autos schlängeln sich durch enge Straßen und hupen, wenn man ihnen nicht schnell genug aus dem Weg geht. Mehrmals werde ich beinahe angefahren. Gerüche kommen aus allen Richtungen – Rauch von offenen Feuern, gegrilltes Fleisch, Müll, der in der Hitze vor sich hin gart. Entlang der Hauptstraße reihen sich Geschäfte dicht an dicht. Ein Friseursalon in einer Wellblechhütte mit drei Stühlen, ein Baumarkt, Internetcafés, Bars, kleine Lebensmittelläden, vollgestopft bis unter die Decke. Man bekommt in diesen Läden alles, was es auch in einem normalen Supermarkt gibt – von Dosenbohnen und Erdnussbutter bis hin zu Windeln, Seife und Kaffeemaschinen. Wonga erzählt mir von den somalischen Ladenbesitzern. Viele von ihnen kamen nach Südafrika auf der Suche nach besseren Chancen, sehen sich jedoch häufig mit Fremdenfeindlichkeit und Gewalt konfrontiert. Somalische Eltern schicken ihre Jugendlichen nach Südafrika, wo sie bei Verwandten leben, die ein Geschäft in einem Township betreiben. Die jungen Erwachsenen wohnen und arbeiten dort drei bis fünf Jahre lang ohne Bezahlung. Am Ende dieser Zeit erhalten sie den angesammelten Lohn auf einmal ausgezahlt und stehen vor einer Entscheidung: Wollen sie das Geld ausgeben oder es als Startkapital nutzen, um selbst ein Geschäft zu eröffnen? Auf diese Weise breiten sich somalische Läden in den Townships des Landes aus – schneller, als viele Einheimische Kapital aufbringen können, um eigene Geschäfte zu eröffnen.

Nach ein paar Minuten gewöhne ich mich an die vielen neuen Eindrücke, das Chaos wird weicher. Und ich beginne, die vielen Lächeln um mich herum wahrzunehmen – Menschen, die uns grüßen, Kinder, die herbeilaufen, um mir High Fives und Fist Bumps zu geben. Die anfängliche Anspannung weicht einer Wärme, und obwohl ich ganz offensichtlich fremd bin, fühle ich mich sehr willkommen. Bald bin ich es, die Andere mit einem „molo molo“ begrüßt.

Unser erster Halt ist ein kleines, unscheinbares Haus. Draußen steht ein geschwärzter Topf über einem offenen Feuer, Dampf kräuselt sich in die Luft. Wonga grinst, als er den Ort als „der Koreaner von IY“ beschreibt, „wo das Essen seit Jahrzehnten ununterbrochen im selben alten schwarzen Topf gekocht wird“. Vor dem Haus steht eben jener Topf über dem offenen Feuer, Dampf entweicht unter dem leicht angehobenen Deckel. Auf der Speisekarte steht Rinderkopf, stundenlang im Topf gekocht und anschließend über offenem Feuer gegrillt. Das Fleisch wird in einer schlichten Metallschale mit Gewürzen und Sauce serviert, und um es von den Knochen zu lösen, muss ich beide Hände benutzen. Die Konsistenz ist fettig, das Fleisch intensiv im Geschmack, ganz anders als alles, was ich zuvor probiert habe. Wir danken dem Koch – „Enkosi kakhulu“ (Vielen Dank) – und setzen unseren Weg fort.

Die Straßen winden sich und werden enger, je höher wir steigen, und wir biegen links und rechts in kleine Gassen ab. Ich verliere völlig die Orientierung. IY ist viel größer, als es von außen wirkt, und überall sind Menschen auf den Straßen. Schließlich betreten wir eine kleine, dämmrige Hütte. Meine Augen brauchen ein paar Sekunden, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, doch dann sehe ich drei Frauen und einen Mann auf einem abgenutzten Sofa sitzen. Auf dem Boden liegt eine Matratze, auf der zwei kleine Kinder spielen. Ich stelle mich vor, und wir setzen uns dazu.

Hier werden wir Umqombothi probieren, ein traditionelles Bier. Die Frauen holen eine große, alte Tomatendose, die oben aufgeschnitten ist. Sie dient als Gefäß für das Bier, das in einer großen Plastiktonne aufbewahrt wird, die als „Gogogo“ bekannt ist. Das Bier wird aus Mais, Malz, Hefe und Wasser hergestellt und ist dickflüssig, hell und fast milchig. Die Tomatendose wird im Kreis herumgereicht, und jeder nimmt einen Schluck. Als sie bei mir ankommt, nehme ich einen starken, sehr ausgeprägten Geruch wahr. Ich probiere einen Schluck. Das Aroma ist kräftig und säuerlich, doch am meisten überrascht mich die Konsistenz – dickflüssig, cremig und körnig. Ich reiche das Gefäß an die nächste Person weiter. Geschmack und Textur sind nicht unangenehm, aber definitiv etwas, woran ich mich erst gewöhnen müsste.

Über Schwierigkeiten und Hoffnungsfunken

Von hier aus gehen wir weiter den Hügel hinauf in ein Gebiet, das nur eine Woche zuvor von einem großen Feuer getroffen wurde – dem zweiten Feuer innerhalb von zwei Wochen. 150 Häuser wurden zerstört, Hunderte Menschen vertrieben. Noch immer liegt Asche wie eine Decke über dem Boden und begräbt die Überreste der Häuser. Ich sehe Stücke von Wellblech, einst die Wände eines Zuhauses, zerrissene Kleidung, einen Teddybären. Ein kleiner Junge schlägt mit einem Besenstiel, den er in der Asche gefunden hat, auf einen kaputten Laptop ein und lacht, als der Bildschirm weiter zerspringt. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie das Leben von Menschen zerstört wurde – all ihre Besitztümer verbrannt und unter Asche und Schmutz begraben, Fragmente von Leben, reduziert zu Trümmern. Wonga hatte Glück, sein Haus steht genau an der Grenze, an der das Feuer stoppte – im Gegensatz zu dem seiner Nachbarn, das nun in Ruinen liegt. Dennoch hat der Wiederaufbau bereits begonnen, und viele nutzen die Gelegenheit, ihre Häuser zu zweistöckigen Gebäuden auszubauen. Doch Brände sind hier eine ständige Bedrohung, und solange nicht Ziegel statt Blech und Holz verwendet werden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein weiteres Feuer durch IY fegt und weitere Häuser zerstört. Die Risiken sind vielfältig – IY liegt in einer trockenen Umgebung am Fuß eines Berges mit unkontrollierten Lauffeuern, offenen Kochstellen, fehlerhaften Stromanschlüssen, brennendem Müll und regelmäßigen Bandenkonflikten. Häufig fachen starke Südostwinde die Flammen schnell an und verwandeln einen kleinen Funken in einen Großbrand.

Direkt neben dem ausgebrannten Gebiet führt ein schmaler Pfad bergauf in Richtung der Schulen. Holzplanken bilden einen provisorischen Steg über Müllberge hinweg. Alte Plastiktüten, Flaschen, unidentifizierbare Gegenstände, menschliche Fäkalien. Unzählige Kinder gehen diesen Weg jeden Morgen entlang und klatschen in die Hände, um Ratten zu vertreiben. Ich kann kaum glauben, dass dies die Realität jeden einzelnen Tag für Tausende Kinder ist. Wie lässt sich das mit Menschenrechten vereinbaren? Das Leben im Township kann besonders hart für Kinder sein. Sie müssen sich im bereits schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens zurechtfinden und werden gleichzeitig mit Alkohol- und Drogenmissbrauch, Teenagerschwangerschaften und hohen Schulabbruchquoten konfrontiert – und all das, während sie auf der anderen Seite des Tals den Wohlstand sehen, eine ständige Erinnerung an ihre eigene Situation. Viele sehen keine Hoffnung für ihre Zukunft und wenden sich Drogen, Gangs und Gewalt zu, um zu überleben. Ein sich selbst verstärkender Teufelskreis aus Armut und Hoffnungslosigkeit.

Wonga bleibt stehen, um mir eine weitere Seite seiner Arbeit zu zeigen – eine kleine Gemeinschaftsfarm mit Gänsen, Hühnern und zwei Ziegen. Kinder können ein Huhn kaufen und die Eier an nahegelegene Airbnbs und Gästehäuser verkaufen. Im Gegenzug dürfen sie das erwirtschaftete Geld behalten und, wenn sie genug Eier verkauft haben, in ein zweites Huhn investieren. Auf diese Weise möchte er den Kindern vermitteln, wie wichtig es ist, durch eigene Arbeit Geld zu verdienen, zu sparen und es wieder zu investieren, anstatt von Tag zu Tag zu leben. Er will ihnen zeigen, dass es Hoffnung gibt; dass es Möglichkeiten gibt, ihr Leben zu verbessern – egal wie klein diese Schritte auch sein mögen. Solche Projekte, die Kinder von der Straße holen und ihnen Perspektiven bieten, sind es, die in der Gemeinschaft wirklich einen Unterschied machen.

Als die Sonne hinter dem Berg untergeht, erreichen wir den vorletzten Halt der Tour: Phillip’s Tavern. Es ist eine von nur zwei Tavernen im gesamten Township, die offiziell eine Lizenz zum Alkoholausschank besitzen, und ein beliebter Treffpunkt für die Einheimischen. Selbst heute, an einem Mittwoch, ist es gut besucht – am Wochenende wird es jedoch besonders voll. Phillip stammt aus Namibia und begann seine Taverne einst als kleine Hütte, die er im Laufe der Zeit in ein zweistöckiges Backsteingebäude verwandelte. Bevor er eine Lizenz erhielt, konfiszierte die Polizei regelmäßig seine Getränke – dennoch schaffte er es, seine Taverne zu dem aufzubauen, was sie heute ist. Die Menschen spielen Billard, schauen Fußball und trinken gemeinsam mit ihren Freunden vor der Tür. Selbst spät am Abend sind alle noch auf den Straßen. Es ist wieder dieses Gefühl von Zusammenhalt, das mich so beeindruckt – ein starker Kontrast zu der stark individualisierten Gesellschaft, die ich gewohnt bin.

Auf dem Weg zum Abendessen holen wir uns bei einem der Straßenverkäufer einen Vetkoek, ein traditionelles südafrikanisches frittiertes Teigbrot. Selbst nachts schläft das Township nicht, und es ist kein Problem, offene Verkaufsstände zu finden. Noch immer stehen Menschen auf den Straßen und verkaufen frische Produkte, Fleischspieße und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Durch die zunehmende Migration aus anderen Teilen Afrikas findet man im Township auch viele Produkte aus verschiedenen Ländern wie traditionellen getrockneten Fisch aus Malawi sowie Hülsenfrüchte und Erdnüsse aus Simbabwe und Sambia. Als wir im Haus der Familie ankommen, bei der wir essen werden, steht das Abendessen bereits auf dem Tisch. Wongas Nachbarin hat für uns Umphokoqo zubereitet – ein traditionelles Xhosa-Gericht aus krümeligem, trocken gekochtem Maismehl, serviert mit kalter Amasi (säuerlich fermentierter Milch) und Sahne. Sie hat Cranberrys und Kokosraspeln hinzugefügt, die der cremigen Mischung eine perfekte süß-säuerliche Note verleihen. Das Umphokoqo wird mit einem Hühnerhals-Eintopf serviert, der reichhaltig und aromatisch ist. Es ist ein perfektes Wohlfühlessen für einen heißen Sommertag und ein stimmiger Abschluss für einen Nachmittag voller neuer Eindrücke und Geschmäcker.

Als wir uns verabschieden, verstehe ich, was Wonga meinte, als er sagte: „Ich mache keine Touren – ich habe Freunde zu Besuch, Mitglieder der WongaTours-Familie.“ Dieser Nachmittag war eine Einladung zu sehen, zu fühlen, zu träumen und neue Verbindungen zu knüpfen. Ich gehe mit einem Gefühl der Dankbarkeit für die heutigen Erfahrungen, für die Offenheit und Herzlichkeit der vielen Menschen, die ihr Zuhause mit mir geteilt haben. Doch ich nehme auch etwas Schwereres mit. Ein tieferes Bewusstsein für die harten Umstände und die Widerstandskraft, die hier nebeneinander existieren. Ein Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein. Und trotz allem gehe ich mit Hoffnung. Denn wenn es eine Sache gibt, die Imizamo Yethu auszeichnet, dann sind es nicht nur die harten Umstände – sondern auch die Bemühung. Gemeinsame Bemühung. Und vielleicht beginnt genau hier die Veränderung.

Touren mit Wonga können direkt gebucht werden, indem man ihm unter +27 84 453 6076 eine Nachricht schickt oder anruft bzw. eine Email an wongatours@gmail.com schreibt.

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